Ausschreibung der DFG

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Die DFG hat mit dem Datum 8.5. (also am Tag des Starts von b2i ;-) ) treffend  einen Aufruf zur Einreichung von Projektanträgen für ein

"Sondersammelgebiet und Virtuelle Fachbibliothek „Informations-, Buch- und Bibliothekswesen

veröffentlicht.

Ich bitte hier um Diskussion dieses Aufrufs aus der Sicht der betroffenen Fachdisziplinen. Vor allem interessiert mich die Frage, ob Sie empfehlen, dass b2i sich beteiligt. 

Freundliche Grüße

Hans-Christoph Hobohm

zum Ausschreibungstext 

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Stellungnahme KIBA -

Stellungnahme KIBA - Schreiben an die DFG:

Köln, 13.7.2007

Stellungsnahme der Konferenz der informatorischen und bibliothekarischen Ausbldungseinrichtungen - KIBA (Sektion 7 „Ausbildung“ des dbv und Ausbildungssektion der DGI)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Besorgnis haben die informationswissenschaftlichen Fachdisziplinen
und die Konferenz der informatorischen und bibliothekarischen
Ausbildungseinrichtungen die Ausschreibung zum Sondersammelgebiet
und Virtuellen Fachbibliothek „Informations-, Buch- und Bibliothekswesen“
vom 8. Mai 2007 zur Kenntnis genommen.

Das Hauptargument für die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen,
das Sondersammelgebiet und damit das erfolgreich gestartete
Wissenschaftsportal „Bibliotheks-, Buch- und Informationswissenschaft -
b2i“ aufzugeben, war das Fehlen entsprechender Wissenschaftsdisziplinen
in der grundständigen Lehre und Forschung an der Universität Göttingen.

In der Ausschreibung wird nun jedoch eine Beschreibung von  Fachgebietszuständigkeiten für das Sondersammelgebiet und für eine virtuelle Fachbibliothek gegeben, die dieses Problem noch weiter zuspitzt, da die hier angegebenen Fächer und Themen schon seit längerer Zeit nicht mehr primärer Inhalt von internationaler Spitzenforschung und entsprechender Lehre der Informationswissenschaften (i.w.S. d.h. inkl. der Buch-, Bibliotheks- und Archivwissenschaft) sind. Sollte die Themenbeschreibung des neu zu vergebenen Sondersammelgebiets in der Tat inhaltlich so ausgerichtet sein, wie es die Ausschreibung suggeriert, so wird einer zentralen Leitwissenschaft der aktuellen Wissens- und Bildungsgesellschaft die nationale Literaturversorgung fehlen.

Nicht ohne Grund hatte sich auch das Wissenschaftsportal, das auf Initiative der KIBA, also der in Lehre und Forschung in den Informationswissenschaften tätigen Kollegen kooperativ ins Leben gerufen wurde, den Namen  „Wissenschaftsportal“ gegeben, ganz in dem Sinn der bisherigen DFG Sondersammelgebiete, dass die Hauptintention „einer möglichst umfassenden  Sammlung fachlich bedeutsamer wissenschaftlicher Literatur“ ist, die  wissenschaftliche Forschung und Lehre der jeweiligen Fachgebiete zu unterstützen.

In der Arbeitsteilung mit dem zum DFG Projekt b2i gehörenden Bibliotheksportal hat sich dementsprechend der am Sondersammelgebiet angedockte Teil auch vorwiegend auf die Scientific Community der Bibliotheks-, Buch- und Informationswissenschaftler ausgerichtet. In einer Reihe von Workshops und Nutzergesprächen wurden deren Bedürfnisse eruiert und in die noch laufende Konzeption des Portals einbezogen.

Die KIBA ist der Meinung, dass mit der Skizzierung des Sondersammelgebietes in dem Aufruf zur Einreichung von Projektanträgen vom 8. Mai 2007 eine solche inhaltlich fachlich Unterstützung der betroffenen Wissenschaftsdisziplinen nicht mehr gewährleistet sein wird.

An keiner Stelle werden dort wie auch in den „Richtlinien“ vom April 2007 die wissenschaftlichen Fachdisziplinen der Informationswissenschaften berücksichtigt. Es ist lediglich die Rede von „Informations-, Buch- und Bibliothekswesen“. In der Spezifizierung der fachlichen Ausrichtung wird eine inhaltlich völlig unzureichende Liste von Sachgebieten als maßgebend formuliert:
„Darüber hinaus gehören folgende Sachgebiete zum Sondersammelgebiet:
•Theorie und Geschichte der Bibliographie…
•Buchhandel und Verlagswesen…
•Informations-, Dokumentations-, Buch- und Bibliothekswesen einzelner  Länder…
•Schriftwesen…
•Druck- und Vervielfältigungstechnik…
•Museumswesen…
•Ausstellungswesen…“

Lediglich in der aktualisierten Fassung des DFG Index der SSGs auf Webis
(http://webis.sub.uni-hamburg.de/ssg/index/main.html) tauchen die Begriffe „Informationswissenschaft“, „Informationsökonomik“ und „betriebliche Information“ als Fachgebiete auf. Nicht jedoch „Bibliothekswissenschaft“, „Buchwissenschaft“ oder „Archivwissenschaft“.

Das Fach „Theorie und Geschichte der Bibliographie“, um nur den ersten Anstrich zu erwähnen, wird in der hier suggerierten Form als wichtiges Thema schon lange nicht mehr in Forschung und Lehre als solches behandelt. Aspekte daraus werden an den Universitäten und Fachhochschulen ggf. in den Fachgebieten „Wissensorganisation“, „Information Retrieval“ und „Datenbanktheorie“ angesprochen, aber als bedeutsames eigenständiges Wissenschaftsthema kann man dies mit einiger Sicherheit nicht mehr
ansehen.

Moderne informationswissenschaftliche Forschung und Lehre verortet sich in unterschiedlichem Umfeld, da der Betrachtungsgegenstand, die Information, unter sehr verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln untersucht wird. Methodisch finden sich daher neben den originären informationswissenschaftlichen Herangehensweisen an wissenschaftliche Fragestellungen auch Methoden aus Informatik und Ingenieurswesen, aus Sozial- und Wirtschaftswissenschaft als auch philosophisch-hermeneutische Verfahren.

Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre, die durch die äußerst dynamische Entwicklungen informationstechnologischer und medialer Art geprägt sind, haben ein gänzlich anderes Wissenschaftsverständnis der Informationswissenschaften i.w.S. bewirkt – und dies nicht erst seit dem Entstehen des Internet vor über 25 Jahren.

Der Wissenschaftsrat hat in seiner aktuellen „Empfehlung zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften in  Deutschland“, die er hochschulstatistisch in dem Studienbereich 06 „Bibliothekswissenschaft, Dokumentation, Publizistik“ verortet – aber die ersten beiden letztlich abgetrennt sehen möchte – ebenfalls auf die wissenschaftssystematischen Probleme der aktuellen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen hingewiesen:

Der Wissenschaftsrat ist davon überzeugt, dass vom Feld der Kommunikations- und Medien-wissenschaften wesentliche Impulse für ökonomische, technische und kulturelle Entwicklungen unserer Gesellschaft ausgehen und dass umgekehrt der Bedarf seitens Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, vermehrt auf diese Forschungen zurückgreifen zu müssen, steigen wird. (S. 10)

Der Wissenschaftsrat empfiehlt in dem Fall der Kommunikations- und Medienwissenschaften auf „anachronistische Bezeichnungen“ zu verzichten, die Fächer neu zu verorten und sie hauptsächlich der Fächergruppe „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ zuzuordnen (S. 93).

Über die verbleibenden Fächer des Clusters 06 (namentlich „Bibliothekswissenschaft und Dokumentation“ also „Informationswissenschaften“) schweigt sich die Empfehlung des Wissenschaftsrates leider aus. Wir behaupten, dass für die Informationswissenschaften strukturell das gleiche zutrifft, was der  Wissenschaftsrat für die Kommunikationswissenschaften feststellt. Die in der Empfehlung im Anhang abgedruckten Zahlen zu diesen Bereichen belegen dies im Übrigen.

Die KIBA, empfiehlt deshalb der DFG, über die Fachgebiete des neu zu vergebenen Sondersammelgebietes erneut nachzudenken um den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Feld Rechnung zu tragen und der Lehre und Forschung die Unterstützung geben zu können, die diese Wissenschaftsdisziplinen dringend bedürfen.

Die Entscheidung, welche Einrichtung dieses Sondersammelgebiet und eine entsprechende neue virtuelle Fachbibliothek pflegen soll, sollte deshalb einerseits geleitet werden von
•der naheliegenden Zuordnung auch der Informationswissenschaften zur
Fächergruppe „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ bzw. ihrer ebenso naheliegenden Nähe zur Informationstechnologie und andererseits
•der konkreten Frage, ob an dieser Einrichtung informationswissenschaftliche „Lehre und Forschung“ existiert. Außerdem erscheint es uns ratsam, die Benennung der Fächergruppe Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft zu überdenken, so wie auch die Bezeichnung und Inhalte der Sammelschwerpunkte neu zu justieren.

Wir würden uns außerordentlich freuen, wenn es zu Gesprächen mit den betroffenen Wissenschaftlern der Fachdisziplinen kommen würde und bieten als KIBA an, diese Kommunikation gemeinsam mit anderen Fachvertretern und Verbänden aufzunehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Ursula Georgy
Vorsitzende der KIBA

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Stellungnahme HI -

Stellungnahme HI -

Frankfurt, 13. Juli 2007 

Betreff: Stellungsnahme des Hochschulverbands Informationswissenschaft (HI)

Sehr geehrter Herr Dr. Bunzel,

mit Besorgnis haben die informationswissenschaftlichen Fachdisziplinen und der Hochschulverband Informationswissenschaft die Ausschreibung der DFG zum Sondersammelgebiet und Virtuellen Fachbibliothek „Informations-, Buch- und Bibliothekswesen“ vom 8. Mai 2007 zur Kenntnis genommen.

Das Hauptargument für die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, das Sondersammelgebiet und damit das erfolgreich gestartete Wissenschaftsportal „Bibliotheks-, Buch- und Informationswissenschaft - b2i“ aufzugeben, war das Fehlen entsprechender Wissenschaftsdisziplinen in grundständigen Lehre und Forschung an der Universität Göttingen.

In der Ausschreibung wird nun jedoch eine Beschreibung von Fachgebietszuständigkeiten für das Sondersammelgebiet und für eine virtuelle Fachbibliothek gegeben, die dieses Problem noch weiter zuspitzt. Die in dieser Beschreibung angegebenen Fächer und Themen spiegeln kaum den Stand internationaler Spitzenforschung und entsprechender Lehre der Informationswissenschaften im weiteren Sinne (d.h. inkl. der Buch-, Bibliotheks- und Archivwissenschaft) wieder.

An keiner Stelle werden die wissenschaftlichen Fachdisziplinen der Informationswissenschaften berücksichtigt. Es ist lediglich die Rede von „Informations-, Buch- und Bibliothekswesen“. In der Spezifizierung der fachlichen Ausrichtung wird eine inhaltlich völlig unzureichende Liste von Sachgebieten als maßgebend formuliert:

„Darüber hinaus gehören folgende Sachgebiete zum Sondersammelgebiet:
• Theorie und Geschichte der Bibliographie…
• Buchhandel und Verlagswesen…
• Informations-, Dokumentations-, Buch- und Bibliothekswesen einzelner Länder…
• Schriftwesen…
• Druck- und Vervielfältigungstechnik…
• Museumswesen…
• Ausstellungswesen…“

Das Fach „Theorie und Geschichte der Bibliographie“, um nur den ersten Anstrich zu erwähnen, wird in der hier suggerierten Form als wichtiges Thema schon lange nicht mehr in Forschung und Lehre als solches behandelt. Aspekte daraus werden an den Universitäten und Fachhochschulen ggf. in den Fachgebieten „Wissensorganisation“, „Information Retrieval“ und „Datenbanktheorie“ angesprochen, aber als bedeutsames eigenständiges Wissenschaftsthema kann man dies nicht mehr ansehen.

Sollte die Themenbeschreibung des neu zu vergebenen Sondersammelgebiets in der Tat inhaltlich so ausgerichtet werden, wie es die Ausschreibung suggeriert, so würde einer zentralen Leitwissenschaft der aktuellen Wissens- und Bildungsgesellschaft die nationale Literaturversorgung fehlen.

Der Hochschulverband Informationswissenschaft ist der Meinung, dass mit der Skizzierung des Sondersammelgebietes in dem Aufruf zur Einreichung von Projektanträgen vom 8. Mai 2007 eine inhaltlich fachliche Unterstützung der betroffenen Wissenschaftsdisziplinen nicht mehr gewährleistet wird. Moderne informationswissenschaftliche Forschung und Lehre verortet sich in unterschiedlichem Umfeld, da der Betrachtungsgegenstand, die Information, unter sehr verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln untersucht wird. Methodisch finden sich daher neben den originären informationswissenschaftlichen Herangehensweisen an wissenschaftliche Fragestellungen auch Methoden aus Informatik und Ingenieurswesen, aus Sozial- und Wirtschaftswissenschaft als auch philosophisch-hermeneutische Verfahren.

Der HI empfiehlt deshalb der DFG, über die Fachgebiete des neu zu vergebenen Sondersammelgebietes erneut nachzudenken um den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Feld
Rechnung zu tragen und der Lehre und Forschung die Unterstützung geben zu können, die diese Wissenschaftsdisziplinen dringend bedürfen.

Die Entscheidung, welche Einrichtung dieses Sondersammelgebiet und eine entsprechende neue virtuelle Fachbibliothek pflegen soll, sollte deshalb insbesondere geleitet werden von der konkreten Frage, ob an dieser Einrichtung informationswissenschaftliche „Lehre und Forschung“ (d.h. Lehrstühle, Graduiertenkollegs, internationales wissenschaftlicher Output) existiert. Außerdem scheint es uns ratsam, die Benennung der Fächergruppe Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft zu überdenken, wie auch die Bezeichnung und Inhalte der Sammelschwerpunkte neu zu justieren.

Wir würden uns außerordentlich freuen, wenn es zu Gesprächen mit den betroffenen Wissenschaftlern der Fachdisziplinen kommen würde und bieten als Hochschulverband Informationswissenschaft an, diese Kommunikation gemeinsam mit anderen Fachvertretern und Verbänden aufzunehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Marc Rittberger

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Entscheidung zum SSG

Entscheidung zum SSG gefallen.

Aus wohl informierten Kreisen ist zu hören, dass die Wahl auf die Bayerische Staatsbibliothek gefallen ist. Die offizielle Bestätigung steht wohl noch aus.

Ich beglückwünsche die bayerische Informationswissenschaft (Kollege Hammwöhner) und die bayerische Buchwissenschaft (Kolleginnen Rautenberg und Haug) zu dem Erfolg!

Dass sich damit die in den Stellungnahmen von HI und KIBA implizit geäußerten Befürchtung realisiert wird, braucht hier nicht mehr wirklich ausgeführt zu werden.

 

Auf die konkrete Begründung durch die DFG darf man gespannt sein. Ich erwarte so etwas wie: "Bibliothekswissenschaft gibt es ja sowieso nicht" ... und: "Forschung ist nix für FHs" - business as usual

Es grüßt

Hans-Christoph Hobohm